siehe auch: www.christophmause.de

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D-59872 Meschede

mail[at]christophmause.de

Wenn wir heute Abend eine Kunstausstellung als eine Veranstaltung des Vereins der ehemaligen Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums der Benediktiner eröffnen, wenn der Künstler zu eben diesen Ehemaligen gehört und nun selbst Kunsterzieher an unserer Schule ist, dann liegt es nahe, dort Wege des Zugangs zu den Arbeiten von Christoph Mause zu suchen, wo er selbst in seiner Schülerzeit und seiner Lehrerzeit sich prägen lassen konnte.   Kardinal John Henry Newman, der Begründer der Universität in Dublin, sah die Orden als Lehrmeister Europas. Die Schulen der Jesuiten nannte er Schulen der praktischen Erfahrung, die der Dominikaner Schulen des Wissens. Die Schulen der Benediktiner der Poesie, wobei er mehr meinte als die Kreativität der Sprache. Er sah vor sich all die Ausweise benediktinischer Kultur über die Dichtung hinaus in Malerei, Goldschmieden, Plastik, Architektur und Musik und vielen anderen Bereichen kreativen Schaffens.   Voraussetzung dafür ist die Offenheit, die Geöffnetheit, die Aufmerksamkeit, die charakteristisch schon mit dem ersten Wort der Regel, dem Imperativ „ausculta“ gefordert wird. Es hier nicht nur die Schärfung des Ohres, die Verbesserung akustischer Rezeption gemeint, wie bei einem Jäger, einem Wächter. Gleich darauf spricht die Regel vom Ohr des Herzens, von einem Auge, das das göttliche Licht wahrnehmen kann. Die Schule St. Benedikts (das ganze Kloster ist eine solche Schule) ist eine Stätte der Übung der Sinne und der Suche nach dem Sinn. Solche Übung nennt Benedikt nach römischen Soldatenbrauch „meditatio“: Über die Sinne, die Sinneserfahrung zum Nachsinnen kommen und Sinnerfahrung ermöglichen. Die Antike und mit ihr über die karolingische Renaissance das Mittelalter hat wie Augustinus unterschieden in „res“ und „signum“ in „factum brutum“, in Sachen und Bedeutungsträger. In den Schulen wurde am Beispiel der Literatur für jede Erfahrung mit der uns be- gegnenden Welt, den Gegen- ständen ein vierfacher Weg gelehrt. Der erste Weg ist der der Sinne in der Dimension des Faktischen, Wahrnehmung im Sinne des Habbaren, Begreifbaren, Nutzbaren, Brauchbaren, eindimensional eindeutig. Ein Fisch ist ein Fisch ist ein Fisch. Ist dies eine Perle oder ist es ein Imitat fragte der Perlensucher aus dem Evangelium den Chemiker. Der antwortet nach einer halben Stunde Analyse im Labor: Ja es war eine.   Die Stufe der Faktizität und der Bemächtigung der Dinge wird überstiegen von der Stufe der Allegorie, der Typologie. Die Ebene des Sensualismus und der reinen Empirie wird verlassen, das begegnende Etwas, die „res“ wird zum „signum“ zum Symbol. Es öffnet seine Mehrdimensionalität und offenbart einen hintergründigen tieferen Sinn. Wahr-nehmung wird hier mit Bindestrich geschrieben als Offenheit, als Akzeptanz von Wahrheit. Noch ist diese Ebene von Kenntnis und Wissen geprägt, von Erfahrungen anderer meist narrativ vermittelt, so ist auf der nächsten Ebene die Begegnung mit den Gegenständlichen nicht mehr steuerbar, planbar und lehrbar. Hier geht es um die existentielle Auseinandersetzung, um die Bereitschaft, sich selbst treffen zu lassen. Hier sieht nicht der Mensch, hier wird er angesehen und bewegt. R. M. Rilke schließt sein Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“: „(…): da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“   Diese Ebene, die die Antike die Tropologische nannte, die Bewegende, wo Begreifen zum Ergriffensein wird und das Leben ändert, wird noch einmal letztlich überschritten auf den vierten Weg der Anagogia. Dieser letzte Weg wird möglich, wenn das Gegenüber korrespondiert mit den eingeborenen Passstellen, wie Schlüssel in Schlüssellöcher in der Tiefe des menschlichen Herzens. „Hinauf in die Tiefe“ ein Paradoxon Benedikts, das längste Kapitel der Regel, das Siebte von der Demut beherrscht.   Seeblicke nennt Christoph Mause seine Ausstellung. Seeblicke mit zwei „e“, weil er heute aus seinen Arbeiten die Fische mitgebracht hat. Verschmitzt hat er aber auch ein kleines „h“ in den Titel beordert, damit wir wissen, worauf es ankommt. Sehen zu können und was das bedeutet habe ich gerade in der Lehre von der vierfachen Einsicht dargelegt. Christoph Mause fokussiert in diesem kleinen Raum, in dem bewusst der historische Bezug mitklingen soll, besonders jener kraftvollen Bildersprache der Thora, die hier verborgen geborgen war, bevor der „Tod“ kam, der „Meister aus Deutschland“. Dieser bewusst schmale Blickwinkel, diese bewusst konzentrierte Seeweise macht es möglich auf der zweiten Ebene nicht ausschweifen zu müssen. Das Wasser als Symbol des Lebens, auch des Todes. Der Fisch als Leben und Tod unmittelbar zugehörig. Fisch als Parabel und Metapher. Gerade weil Christoph Mause die Objekte Fische (wie alle seine Tierplastiken) in meisterhafter Genauigkeit modelliert und koloriert sind sie in Kontext und Korrespondenz mit den ihnen zugeordneten Gegenständen nicht Wiedergabe von zoologischen Fakten, sondern Sichtbarmachen von unsichtbaren Gegebenheiten.   Es bleibt dem Betrachter überlassen, sich von einem verschmitztem Humor und von sauerländischer Schlitzohrigkeit, von Johanna und Jonas erlernter kindlicher Phantasie, von erfahrener und sichtbar- gemachter Sinnlosigkeit und Ängsten oder von trotziger Hoffnung mitnehmen zu lassen auf den Weg persönlicher Ein- sichten. Einsamkeit, Gefährdung des Lebensraumes, Liebe, Sehnsucht, Angst, Tod.     Gerade das Element der Fabel, Menschen in Tieren zu entfremden, hier in Fische, ermöglicht eine Distanz, die sich traut zuzusehen und sich ändern zu lassen. Gerade die Fotogenauigkeit und die fotohafte Erstarrung von Zeitabläufen, Lebenszeitabläufen ermöglichen die Erfahrung der Wahrheit des Augenblicks, die in kraftvoller Spannung steht zum imaginären „Weiter“. Der Kuss hat schon den Tod verschluckt. Die Einfachheit der Bezüge in den Arbeiten von Christoph Mause ermöglichen eine Stille und eine Konzentration des Betrachters unterstützt durch diesen Raum, die uns als berechtigte und notwendige Flucht erscheint aus den Geräuschbergen von Tönen und Reden, aus der Überschwemmung der Bilder.   Die Arbeiten von Christoph Mause fördern deshalb nicht nur die Fähigkeit zur Ästhetik als der Fähigkeit zur Wahrnehmung und Empfindsamkeit, als Gewahrwerden von Sinnen, sondern schließen auch Eindrücke aus im Sinne einer Anästhetik, einer Wahrnehmungsverweigerung damit uns in der Flut der Bilder und Töne Hören und Sehen vergeht.   Lieber Christoph, Dank, dass Du uns eingeladen hast. Dank, dass Du uns teilnehmen lässt an deinen Arbeiten, dass Du uns suchen lässt nach Tief- und Hinter- und Abgründigem. Die frühe Kirche hat nach dem bekannten Akrostichon, dem griechischen Wort für Fisch „ΙΧΘYΣ“, das auf Christus bezogen war, dessen Buchstaben, die Anfangsbuchstaben ein kurzes Glaubensbekenntnis ausdrücken. Sie hat aber auch die Christen als „pisciculi“ bezeichnet: „Fischlein“.   Tertullian schreibt: „Wir werden nach der Ähnlichkeit unseres Ichthys Jesus Christus im Wasser geboren und durch Verharren im Wasser finden wir Heil.“ Ich wünsche Ihnen, liebe Gäste, dass Sie heute, oder wenn Sie sich noch mal in Ruhe und Stille hierher begeben vom Sehen zum Schauen kommen von der Wahrnehmung zum Gewahrwerden.
  (Rede anlässlich der Ausstellung im Bürgerzentrum Alte Synagoge in Meschede, 5. Dezember - 19. Dezember 2001)
Texte Texte
Königskinder, Detail, 1996
Königskinder, 1996
Kleines Wasser, 2001
Kugelfisch, 1996
Korallenfisch, 1997
Große Schwebrenke, 1997
Bachforelle, 1997
Bachforelle, Detail, 1997
Kuss, Detail,1997
Kuss, 1997
blue and white fish, 2000
fishing, 2000
Anemonenfische, 2001
Weiß, Grau und Schwarz, 2001
Et in Arcadia Ego, 2000
CM 2017

CV

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P.  Michael  Hermes  OSB
Wenn wir heute Abend eine Kunstausstellung als eine Veran- staltung des Vereins der ehemaligen Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums der Benediktiner er- öffnen, wenn der Künstler zu eben diesen Ehemaligen gehört und nun selbst Kunsterzieher an unserer Schule ist, dann liegt es nahe, dort Wege des Zugangs zu den Arbeiten von Christoph Mause zu suchen, wo er selbst in seiner Schülerzeit und seiner Lehrerzeit sich prägen las- sen konnte.   Kardinal John Henry Newman, der Begründer der Universität in Dublin, sah die Orden als Lehrmeister Euro- pas. Die Schulen der Jesuiten nannte er Schulen der praktischen Erfah- rung, die der Dominikaner Schulen des Wissens. Die Schulen der Bene- diktiner der Poesie, wobei er mehr meinte als die Kreativität der Spra- che. Er sah vor sich all die Ausweise benediktinischer Kultur über die Dichtung hinaus in Malerei, Gold- schmieden, Plastik, Architektur und Musik und vielen anderen Bereichen kreativen Schaffens.   Voraussetzung dafür ist die Offen- heit, die Geöffnetheit, die Aufmerk- samkeit, die charakteristisch schon mit dem ersten Wort der Regel, dem Imperativ „ausculta“ gefordert wird. Es hier nicht nur die Schärfung des Ohres, die Verbesserung akustischer Rezeption gemeint, wie bei einem Jäger, einem Wächter. Gleich darauf spricht die Regel vom Ohr des Herzens, von einem Auge, das das göttliche Licht wahrnehmen kann. Die Schule St. Benedikts (das ganze Kloster ist eine solche Schule) ist eine Stätte der Übung der Sinne und der Suche nach dem Sinn. Solche Übung nennt Benedikt nach römi- schen Soldatenbrauch „meditatio“: Über die Sinne, die Sinneserfahrung zum Nachsinnen kommen und Sinnerfahrung ermöglichen. Die Antike und mit ihr über die karolingische Renaissance das Mittel-alter hat wie Augustinus unterschieden in „res“ und „signum“ in „factum brutum“, in Sachen und Bedeutungsträger. In den Schulen wurde am Beispiel der Literatur für jede Erfahrung mit der uns begeg- nenden Welt, den Gegenständen ein vierfacher Weg gelehrt. Der erste Weg ist der der Sinne in der Dimen- sion des Faktischen, Wahrnehmung im Sinne des Habbaren, Begreif- baren, Nutzbaren, Brauchbaren, eindimensional eindeutig. Ein Fisch ist ein Fisch ist ein Fisch. Ist dies eine Perle oder ist es ein Imitat fragte der Perlensucher aus dem Evangelium den Chemiker. Der antwortet nach einer halben Stunde Analyse im Labor: Ja es war eine.   Die Stufe der Faktizität und der Bemächtigung der Dinge wird über- stiegen von der Stufe der Allegorie, der Typologie. Die Ebene des Sen- sualismus und der reinen Empirie wird verlassen, das begegnende Etwas, die „res“ wird zum „signum“ zum Symbol. Es öffnet seine Mehr- dimensionalität und offenbart einen hintergründigen tieferen Sinn. Wahr- nehmung wird hier mit Bindestrich geschrieben als Offenheit, als Akzep- tanz von Wahrheit. Noch ist diese Ebene von Kenntnis und Wissen geprägt, von Erfahrungen anderer meist narrativ vermittelt, so ist auf der nächsten Ebene die Begegnung mit den Gegenständlichen nicht mehr steuerbar, planbar und lehrbar. Hier geht es um die existentielle Auseinandersetzung, um die Be- reitschaft, sich selbst treffen zu lassen. Hier sieht nicht der Mensch, hier wird er angesehen und bewegt. R. M. Rilke schließt sein Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“: „(…): da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“   Diese Ebene, die die Antike die Tropologische nannte, die Bewe- gende, wo Begreifen zum Ergriffen- sein wird und das Leben ändert, wird noch einmal letztlich überschritten auf den vierten Weg der Anagogia. Dieser letzte Weg wird möglich, wenn das Gegenüber korrespondiert mit den eingeborenen Passstellen, wie Schlüssel in Schlüssellöcher in der Tiefe des menschlichen Her- zens. „Hinauf in die Tiefe“ ein Pa- radoxon Benedikts, das längste Ka- pitel der Regel, das Siebte von der Demut beherrscht.   Seeblicke nennt Christoph Mause seine Ausstellung. Seeblicke mit zwei „e“, weil er heute aus seinen Arbeiten die Fische mitgebracht hat. Verschmitzt hat er aber auch ein kleines „h“ in den Titel beordert, damit wir wissen, worauf es an- kommt. Sehen zu können und was das bedeutet habe ich gerade in der Lehre von der vierfachen Einsicht dargelegt.Christoph Mause fo- kussiert in diesem kleinen Raum, in dem bewusst der historische Bezug mitklingen soll, besonders jener kraftvollen Bildersprache der Thora, die hier verborgen geborgen war, bevor der „Tod“ kam, der „Meister aus Deutschland“. Dieser bewusst schmale Blickwinkel, diese bewusst konzentrierte Seeweise macht es möglich auf der zweiten Ebene nicht ausschweifen zu müssen. Das Wasser als Symbol des Lebens, auch des Todes. Der Fisch als Leben und Tod unmittelbar zugehörig. Fisch als Parabel und Metapher. Gerade weil Christoph Mause die Objekte Fische (wie alle seine Tierplastiken) in mei- sterhafter Genauigkeit modelliert und koloriert sind sie in Kontext und Korrespondenz mit den ihnen zugeordneten Gegenständen nicht Wiedergabe von zoologischen Fakten, sondern Sichtbarmachen von unsichtbaren Gegebenheiten.   Es bleibt dem Betrachter überlassen, sich von einem verschmitztem Humor und von sauerländischer Schlitzohrigkeit, von Johanna und Jonas erlernter kindlicher Phantasie, von erfahrener und sichtbar ge- machter Sinnlosigkeit und Ängsten oder von trotziger Hoffnung mitnehmen zu lassen auf den Weg persönlicher Einsichten. Einsamkeit, Gefährdung des Lebensraumes, Liebe, Sehnsucht, Angst, Tod.     Gerade das Element der Fabel, Menschen in Tieren zu entfremden, hier in Fische, ermöglicht eine Distanz, die sich traut zuzusehen und sich ändern zu lassen. Gerade die Fotogenauigkeit und die fotohafte Erstarrung von Zeitab- läufen, Lebenszeitabläufen ermög- lichen die Erfahrung der Wahrheit des Augenblicks, die in kraftvoller Spannung steht zum imaginären „Weiter“. Der Kuss hat schon den Tod verschluckt. Die Einfachheit der Bezüge in den Arbeiten von Christoph Mause ermöglichen eine Stille und eine Konzentration des Betrachters unterstützt durch diesen Raum, die uns als berechtigte und notwendige Flucht erscheint aus den Geräuschbergen von Tönen und Reden, aus der Überschwemmung der Bilder   Die Arbeiten von Christoph Mause fördern deshalb nicht nur die Fähigkeit zur Ästhetik als der Fähigkeit zur Wahrnehmung und Empfindsamkeit, als Gewahrwerden von Sinnen, sondern schließen auch Eindrücke aus im Sinne einer Anästhetik, einer Wahrnehmungs- verweigerung damit uns in der Flut der Bilder und Töne Hören und Sehen vergeht.   Lieber Christoph, Dank, dass Du uns eingeladen hast. Dank, dass Du uns teilnehmen lässt an deinen Arbeiten, dass Du uns suchen lässt nach Tief- und Hinter- und Abgründigem. Die frühe Kirche hat nach dem bekannten Akrostichon, dem griechischen Wort für Fisch „ΙΧΘYΣ“, das auf Christus bezogen war, dessen Buchstaben, die Anfangs- buchstaben ein kurzes Glaubens- bekenntnis ausdrücken. Sie hat aber auch die Christen als „pisciculi“ bezeichnet: „Fischlein“.   Tertullian schreibt: „Wir werden nach der Ähnlichkeit unseres Ichthys Jesus Christus im Wasser geboren und durch Verharren im Wasser finden wir Heil.“ Ich wünsche Ihnen, liebe Gäste, dass Sie heute, oder wenn Sie sich noch mal in Ruhe und Stille hierher begeben vom Sehen zum Schauen kommen von der Wahrnehmung zum Gewahrwerden.
Kleines Wasser, 2001
Kugelfisch, 1996
Königskinder, Detail, 1996
Königskinder, 1996
Korallenfisch, 1996
Große Schwebrenke, 1997
Bachforelle, 1997
Bachforelle, Detail, 1997
blue and white fish, 2000
Et in Arcadia Ego, 2000
Kuss, 1997
Kuss, Detail,1997
fishing, 2000
Anemonenfische, 2001
Weiß, Grau und Schwarz, 2001
  (Rede anlässlich der Ausstellung im Bürgerzentrum Alte Synagoge in Meschede, 5. Dezember - 19. Dezember 2001)
Texte Texte
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